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Bericht zum Tag des offenen Denkmals

Archäologischer Rundgang an der Schlachtepromenade

Noch vor der offiziellen Eröffnung im Bremer Dom begann die erste archäologische Führung zu den neuen Fundstellen im Stephaniviertel. Diese Führung stand unter der fachkundigen Leitung von Dr. Dieter Bischop.

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Zahlreiche Besucher*innen waren gekommen um den Erzählungen zu lauschen

Obwohl im Programmflyer nur für „40 Teilnehmer*innen“ angekündigt, hatten sich rund 150 Menschen eingefunden, um sich hierbei die Relikte anzusehen. Dicht gedrängt standen die Zuhörer*innen auf der Schlachte, so dass für andere Spaziergänger*innen und Radfahrer kaum noch ein Durchkommen war.

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Ein Halt war an dem Grundstück vor der Stephanikirche, das nun als barrierefreier Zugang von der Weser hin zur Kirche gestaltet wird. Auf diesem Grundstück waren bis zu den verheerenden Zerstörungen des 2. Weltkriegs teils neunstöckige Packhäuser der Firma Eggers & Franke zu finden. Hier waren 2018 die Packhausfundamente mit ihren mächtigen Ziegelsteinpfeilern und ehemals tonnenüberwölbten Kellern und zahlreichen verschmolzene Flaschenreste ausgegraben worden. Verbaute Spolien, verzierte Sandsteingewände des 17. Jhs. und ein auf 1705 datierter Stein, zeugen von der Vorbebauung der um 1800 erbauten Packhäuser, deren Vorderfronten auf der alten, nach 1530 errichteten weserseitigen Stadtmauer errichtet worden waren. Der Rundgang führte weiter in die Kulturkirche St. Stephani, wo Dr. Bischop weitere interessante Details vorstellte.

Nächste Station war unter dem GOP-Theater, wo die begehbaren, eindrucksvollen Reste des Pulverturmes „Bräutigam“ vorgestellt wurden.

Ehemaliges Außenlager "Schützenhof"

Ab mittags standen dann die geschichtlichen Ereignisse auf dem Gelände des Schützenhofes in Bremen-Gröpelingen auf dem Programm.
Hier konnten die Besucher und Besucherinnen die vielschichtige Geschichte des ehemaligen Außenlagers „Schützenhof“ des Konzentrationslagers Neuengamme sowie das Thema „Zwangsarbeit“ in Bremen-Gröpelingen entdecken. Dieses Außenlager verbindet uns mit zahlreichen im Zweiten Weltkrieg besetzten europäischen Ländern und mit der Industriegeschichte des Stadtteils. Die Geschichte vor Ort ist bestimmt von seinen Häfen und seinem lange Zeit wichtigsten Arbeitgeber - der A.G. Weser. Während des Zweiten Weltkriegs war die A.G. Weser intensiv an der Rüstungsproduktion und der Herstellung von U-Booten für das nationalsozialistische Regime beteiligt. In den letzten Kriegsmonaten sollten KZ-Häftlinge den eklatanten Mangel an Arbeitskräften kompensieren. Auf dem Gelände des Schützenhofs in der Bromberger Straße bestand für wenige Monate, von Dezember 1944 bis Ende März 1945, ein Außenlager des KZ Neuengamme bei Hamburg, in dem einige hundert Männer inhaftiert waren. Die Namen von 257 Menschen sind bekannt, die das Lager und die Zwangsarbeit bei der A.G. Weser nicht überlebt haben.
Basierend auf den Ergebnissen der bisherigen Aufarbeitung und Erinnerung erfolgte 2018 eine weitere Initiative zur Erforschung der Geschichte des Geländes und Stadtteils. Eine Lehrgrabung und eine geophysikalische Messung mit Studierenden der Universität Bremen fand im Frühjahr unter Leitung der Bremer Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle 2018 statt. In einem Seminar unter Leitung von Dr. Ulrike Huhn von der Forschungsstelle Osteuropa recherchierten Studierende weiteres Material zum Lager „Schützenhof“ im Bremer Staatsarchiv und im Archiv der Gedenkstätte Neuengamme. Hieraus entstanden verschiedene Formen des historischen Erinnerns und luden am Tag des offenen Denkmals alle ein, sich die Ergebnisse der archäologischen und geophysikalischen Untersuchungen und der weiteren Recherchen zu den Zwangsarbeitern, die auf der „AG Weser“ arbeiten mussten, anzusehen.

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Die ersten Vorbereitungen werden getroffen und die Poster aufgehängt

Die Studierenden präsentierten sie mit einer Fund- und Posterausstellung auf dem Gelände des Schützenhofs. Für die Poster hatten die Studierenden die Aufgabe bekommen, soviel wie möglich zum Lager und den ausgegrabenen Objekten zu recherchieren und ihre Ergebnisse dann mit Bildern und Texten für eine interessierte Öffentlichkeit aufzubereiten.
Start für die Studierenden war um 12.30 Uhr mit dem Aufbau der Tische, auf denen die Funde ausgestellt werden sollten, und dem Aufhängen der Poster. Dabei haben alle die von ihnen entworfenen Poster erstmals in voller Größe gesehen.

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Die Studierenden begrüßen den Bürgermeister

Schon kurz nach dem Aufbau der Fund- und Posterpräsentation kamen wichtige Besucher zur Besichtigung, Bürgermeister und Kultursenator Dr. Carsten Sieling und die Referatsleiterin für interkulturelle und interreligiöse Angelegenheiten Dr. Martina Höhns begaben sich auf den Entdeckungsgang zur vielschichtigen Geschichte des Geländes.

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Vorsitzender der Bremer Schützengilde von 1904 e. V. Markus Lietz und Bürgermeister Dr. Carsten Sieling

Empfangen wurden sie zudem durch den Vorsitzenden der Bremer Schützengilde von 1904 e. V. Markus Lietz.

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Frau Prof. Dr. Halle (rechts) erklärt dem Bürgermeister die Funde vom Schützenhof.

Informiert wurden sie von der Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle und Studierenden der Geschichtswissenschaft und der Geowissenschaften zu den Ergebnissen der archäologischen Lehrgrabung und der Georadareinmessung. „Was die Studierenden interdisziplinär über diesen Ort und das Schicksal der KZ-Häftlinge erforscht haben, gehört zur Erinnerungskultur unserer Stadt“, sagte Bürgermeister Sieling am Ende des Rundgangs.

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Die Besucher*innen informieren sich während der Führung

An den Besuch des Bürgermeisters schlossen sich jeweils zur vollen Stunde drei Führungen zur Geschichte des Geländes an. Über 250 Besucher und Besucherinnen wollten die Geschichte dieses Geländes entdecken. Nach einer kurzen Einführung durch die Landesarchäologin konnten sie sich von den Studierenden über die ausgestellten Objekte informieren lassen und dann noch einen Gang zu den noch stehenden und modern überprägten Baracken unternehmen.

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Blick auf die freigelegten Mauern der Grabungsfläche

Audiowalk

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Am heutigen Schützenhof erfolgten die Informationen zum neu entwickelten Audio-Walk mit dem die vergessene Geschichte des Zwangsarbeiterlagers und seiner Häftlinge an unterschiedlichen Stationen im Stadtteil Gröpelingen angehört werden können. Auf diesem Rundgang durch Gröpelingen vom „Schützenhof“ zum ehemaligen AG Weser-Gelände sind die die Erinnerungen von Überlebenden und ihren Angehörigen, von früheren Nachbarn, die den täglichen Weg der Häftlinge zum Arbeitsort gesehen haben, zu hören. Zu Wort kommen auch diejenigen, die sich in den in den letzten Jahrzehnten für die Erinnerung an das Lager eingesetzt haben. Diese besondere Form der Erinnerung wurde von den Studierenden unter Leitung von Dr. Ulrike Huhn von der Forschungsstelle Osteuropa entwickelt und lädt seit dem Tag des offenen Denkmals dazu ein, sich auf eine interessante Entdeckungstour in Gröpelingen zu begeben.

Der digitale Spaziergang startet mit der im App Store bzw. bei GooglePlay verfügbaren kostenfreien App “Radio Aporee“ am „Schützenhof“ in der Bromberger Str. 117 und folgt der täglichen Route der Häftlinge zum früheren Werksgelände der A.G. Weser am Hafen. Von dort aus führt der Weg entlang der „Waterfront“ und endet beim Bunker am Pastorenweg.

Die App kann seit dem 9. September hier heruntergeladen werden: https://einkzfuerdiewerft.wordpress.com/audiowalk/
Mit dem Audio-Walk ist eine neue Form des Erinnerns in der Stadt entstanden, die hoffentlich viele Menschen in den Stadtteil führen wird.

Danksagungen

Der Dank der Landesarchäologie gilt allen Studierenden und allen UnterstützerInnen, die sich aktiv eingebracht haben und diese Möglichkeiten der Erinnerung geschaffen haben. Dank gilt aber auch der Bremer Schützengilde von 1904 e. V., die uns die Gelegenheit gegeben haben, diese Fläche archäologisch und geophysikalisch zu untersuchen. Ein herzlicher Dank geht an Raimund Gaebelein von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Bremen e.V., der die Lehrgrabung an allen Tagen fotografisch begleitet hat und uns die entstandenen Fotos zur Verfügung stellte und jeweils eine Lesung zum Leben der Zwangsarbeiter auf dem Schützenhofgelände am Ende der Ausgrabungsarbeit gestaltet hat.