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Ausgrabungen im Stadtbereich Bremen


2017: Archäologie auf engem Raum

Bis auf die Düne reichender Grabungsschnitt innerhalb des Hauses Heineken (Foto: J. Geidner)
Bis auf die Düne reichender Grabungsschnitt innerhalb des Hauses Heineken (Foto: J. Geidner)

Absackungen des Bodens und stetige Geruchsbelästigung waren Anlass vor der tiefgreifenden Sanierung eines kleinen Raumes im heutigen Amtssitz der Landesdenkmalpflege in der Sandstraße eine archäologische Sondage vorzunehmen – wieder einmal (AiD 2/2007, S. 44 f.). Das nach Bürgermeister Heineken (1752–1818) benannte Haus gehörte ehemals als Steinwerk mit Fachwerkvorbau zur Kurie des Domkapitels. Das ursprüngliche Giebelhaus östlich des Domes wurde 1579 instandgesetzt und erweitert, 1744 teilweise abgerissen und traufständig neu erbaut.

Die jetzige Sondage erfolgte offensichtlich im Bereich der erst frühneuzeitlichen Erweiterung des Hauses. Bald unter dem maroden Eichenbohlenboden wurde eine Pflasterung mit Wasserrinne, wohl der Hofbereich hinter einer Durchfahrt, freigelegt. Ein kleiner, aber 2,8 m tiefer Schnitt ging bis auf die Düne. Überlagert wurde sie durch eine etwa 1,1 m mächtige Planierung aus der Zeit der früh- bis hochmittelalterlichen Domburg, wie Keramikscherben, darunter wenig Import, zeigen. Darüber weisen spätmittelalterliche Gruben auf erste Bautätigkeiten.

Unter den Glasfragmenten befindet sich auch das Stück eines Reichsadlerhumpens sowie mehrere bemalter Flachglasscherben von Fensterglas (Foto: T. Töbe)
Fragment eines Reichsadlerhumpens (oben rechts) sowie mehrerer bemalter Flachglasscherben (Foto: T. Töbe)

Die Baugeschichte wird durch zahlreiche Funde der Frühen Neuzeit dokumentiert. Aus der Zeit vor der Sanierung des Hauses stammen einige bemalte Glasfunde, wie das Fragment eines Reichsadlerhumpens sowie Bruchstücke beschrifteten Fensterglases, auf einer Scherbe mit möglicher Datierung 1546.
(Dieter Bischop)

2016: Töpfer an der Wichelnburg

Zwischen Packhausfundamenten ist ein ovaler Ziegelsteinbefund zu erkennen, evtl. Rest eines spätmittelalterlichen Töpferofens nahe dem Weserufer.
Zwischen Packhausfundamenten ist ein ovaler Ziegelsteinbefund zu erkennen, evtl. Rest eines spätmittelalterlichen Töpferofens nahe dem Weserufer. (Foto: D. Bischop)

Auf dem Gelände der ehemaligen Stephanischule werden demnächst fünf moderne Wohnblöcke in bester Lage errichtet, unmittelbar am Weserufer der Altstadt. Vor dem Abriss wurde bereits eine Fläche neben der alten Sporthalle archäologisch dokumentiert. Urkundlich erwähnt ist der Bereich im Westen Bremens für das Jahr 1524, als hier eine hölzerne Bastion gegen Angriffe von der Weser her erbaut wurde. Der Name Wichelnburg deutet auf das verwendete Bauholz (Wicheln = Weiden). Seit dem 17. Jahrhundert wurden hier, zwischen Großenstraße und Weser, Wohn- aber auch erste Packhäuser errichtet, die bis zum 2. Weltkrieg den Blick von der Weser her prägten.

Drei überfeuerte Fehlbrände einer grauen Irdenware aus dem Spätmittelalter, die im Bereich der Wichelnburg gefunden wurden.
Drei überfeuerte Fehlbrände einer grauen Irdenware aus dem 14./15. Jh., die am Weserufer freigespült wurden. (Foto: Focke Museum)

Dass sich am Altstadtrand nahe dem Weserufer auch Töpferöfen befanden, deuteten bereits 1940 vom damaligen Frühjahrshochwasser freigespülte Gefäßfehlbrände spätmittelalterlicher Grauware an. Die eindeutig durch Überhitzung verformten Dreifußkrüge und –schalen, die sich heute im Focke Museum befinden, müssen zum Ausschuss eines nahen Töpferofens des Spätmittelalters gehört haben. Nur wenige Meter entfernt wurde nun 65 Jahre später zwischen bzw. unter frühneuzeitlichen Packhausfundamenten ein ovaler Ziegelbefund angetroffen, bei dem es sich eventuell um den letzten Rest eines Töpferofens handeln könnte.

Wenige Streuscherben vorgeschichtlicher Machart deuten wieder einmal darauf hin, dass hier die zweithöchste Dünenkuppe in der späteren Bremer Altstadt bereits in der späten Eisenzeit bis Kaiserzeit besiedelt war. Dazu passt ein Altfund aus dem Bereich der Wichelnburg, eine um 305 geprägte römische Bronzemünze des Tetrarchen Maximianus Herculius.
(Dieter Bischop)

2015: Mit dem Fahrstuhl unter die Ansgarikirche

Kupferstich aus dem Jahr 1729  (nach Zeichnung B. Werner). Klar überragt die Ansgarikirche den Dom, der zu diesem Zeitpunkt nur noch einen Turm besitzt.
Die Ansgarikirche auf einem Kupferstich aus dem Jahr 1729 (nach Zeichnung B. Werner)

Am 1. September 1944 verlor die Stadt Bremen eines ihrer Wahrzeichen, die Ansgarikirche mit ihrem 118m hohen Turm. Der Turm, 20m höher als die Domtürme, war durch vor ihm eingeschlagene Sprengbomben 1943 an seinem Fundament beschädigt. Ohne Schutzmaßnahmen geblieben, stürzte der gewaltige Turm erst folgenden Jahr in das Kirchenschiff. Die 1243 eingeweihte Basilika mit Querschiff und halbrundem Chor und Westturm war eine der Hauptkirchen Bremens. Ende des 14. Jahrhunderts in eine Hallenkirche umgebaut, wurde sie zum Ausgangspunkt der Reformation.

Obwohl bis in die 1950er Jahre die Seitenschiffswände und die Zütphen-Kapelle größtenteils erhalten geblieben waren, wurde die wiederaufbaufähige Ruine unter Aufhebung des Denkmalschutzes, trotz erheblicher Widerstände der Bevölkerung, beseitigt. An ihrer Stelle wurde Anfang der 1960er Jahre zunächst ein Hertie-Kaufhaus, nach dessen Abriss 1986, das sogenannte Hansa-Carré erbaut. In ihm ist zurzeit u. a. ein H&M untergebracht, in dessen Untergeschoß ein neuer Fahrstuhlschacht eingebaut wird, gelegen in der Südwestecke des ehemaligen Kircheninnern. Dabei wurden direkt unter dem Fußboden zahlreiche Skelettreste entdeckt, vermutlich beim endgültigen Abriss der mittelalterlichen Kirche verlagerte Bestattungsreste. Daher fanden sich überwiegend nur Knochen der oberen und unteren Extremität sowie Wirbelkörper und Schädelfragmente. Wenige Knochen sind vollständig erhalten, die Oberfläche leicht bis mittelmäßig erodiert. Anhand des wiederholten Vorkommens bestimmter seitengleicher Knochenabschnitte (z.B. Oberschenkelkopf) und unterschiedlicher Größen- und Entwicklungsstadien einiger Knochenelemente lässt sich die Anzahl der Individuen auf mindestens fünf Erwachsene, drei Kinder und einen Jugendlichen eingrenzen. Die zu beobachtenden Pathologien beschränken sich hauptsächlich auf makroskopisch zu erkennende periostale Reaktionen auf den Diaphysen der Schien- und Wadenbeine, porotische Veränderungen der Orbitadächer sowie entzündliche Strukturen an einigen Schädelknochen.
(Dieter Bischop, Swantje Krause)

Ansicht der zerstörten Bremer Ansgarikirche vor dem endgültigen Abriss. Im Hintergrund die Domtürme. Die Fundstelle mit den Skelettresten ist rot (Bild: Landesamt f. Denkmalpflege)
Die Ansgarikirche vor dem endgültigen Abriss / Die Fundstelle der Skelettreste ist rot markiert (Bild: Landesamt f. Denkmalpflege)

2014: Kloake über Keller

Blick auf die Baustelle mit dem Befund unten links in der Ecke. Oben rechts, die Weser (Foto:D. Bischop)
Blick auf die Baustelle mit dem Befund unten links in der Ecke. Oben rechts, die Weser (Foto:D. Bischop)

Die 1234 als „longa platea“ benannte heutige Langenstraße ist die vermutlich älteste Straße der Hansestadt Bremen. Die ursprüngliche Uferrandstraße mündete im Westen in das Stadttor „Natel“. Eine Parzelle vor der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauerlinie zeigte sich nach dem Abriss eines Nachkriegsbaues im Jahr 2014 der Untergrund stark gestört. In einer Ecke konnte ein durch neuzeitliche Grundmauern überprägter Hausbefund des 12. Jahrhunderts aufgedeckt werden, der jedoch leider nicht in einem Zuge dokumentiert werden konnte. Er ist aber als ein etwa 3,5 m breiter Holzkeller mit Schwellbohlen und Ständern eines größeren abgebrannten Gebäudes zu deuten.

Teil des Schwellbalkenkeller aus dem 12. Jahrhundert mit einer spätmittelalterlichen Formziegelkloake (Foto: D. Bischop)
Teil des Schwellbalkenkeller aus dem 12. Jahrhundert mit einer spätmittelalterlichen Formziegelkloake (Foto: D. Bischop)

Wenige im oberen gestörten Umfeld vorgefundene Findlinge könnten Unterlieger der Ecken eines obertägigen Schwellbalkenbaues gewesen sein. Das Gebäude mag am Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert einem Schadensfeuer zum Opfer gefallen sein.

Pingsdorfartig verzierte Reste von Tüllenkannen des Hochmittelalters aus der Kellerverfüllung (Foto: E.Schindler)
Pingsdorfartig verzierte Reste von Tüllenkannen des Hochmittelalters aus der Kellerverfüllung (Foto: E.Schindler)

Aus der Verfüllung stammen verschiedene Reste von Kugeltöpfen und zweier Tüllenkannen, pingsdorfartig bemalt mit einem roten Krallenmuster. Über 200 Jahre später wurde der verfüllte Kellerbereich, nun zu einem Hofbereich gehörig, Standort einer Backsteinkloake. Der durch Keramik und Glasfunde ins 15. Jahrhundert datierte Schacht konservierte durch feinschichtige Fäkalienstraten ein vielleicht mehrfach gefaltetes, noch 40 cm breites Tuch in Leinwandbindung, definitiv zu groß um als exklusives textiles Toilettpapier gedient zu haben.
(Dieter Bischop)

In der geschnittenen Kloake blieben zwischen den feinen Schichten textile Reste erhalten (Foto: D. Bischop)
In der geschnittenen Kloake blieben zwischen den feinen Schichten textile Reste erhalten (Foto: D. Bischop)

2014: Das kurze Gastspiel des Fangturms

Teil vom Turmunterbau des Fangturmes (Foto: D. Bischop)
Teil vom Turmunterbau des Fangturmes (Foto: D. Bischop)

Seit langem schon sollte der Platz Am Fangturm ähnlich attraktiv gestaltet werden, wie schon vor einiger Zeit die nahe Schlachte. Als es im Spätsommer 2014 nun soweit war, bot sich die Gelegenheit den namengebenden Fangturm genauer zu lokalisieren.

Dieser unmittelbar an der Weser gelegene westliche Eckturm der Bremer Stadtbefestigung aus der Zeit um 1229 trennte mit seiner angrenzenden Stadtmauer das zunächst unbefestigte Stephaniviertel von der eigentlichen Bremer Altstadt. 1551 wurde die Mauer längst entfernt, da ein Stadtmauerring längst um das Stephaniviertel erweitert war. An ihrer Stelle wurde ein 50 m langer Kornspeicher der Weserrenaissance errichtet, der in seiner Ostwand zunächst den alten Turm, der nur noch als Gefängnis diente, mit aufnahm. Der längst verschwundene Turm wurde 1928 beim Bau der Städtischen Pfandleihe wiederentdeckt. Angeblich fand sich sogar ein menschliches Skelett; ein Gefangener? Das gut erhaltene Turmuntergeschoß wurde 1928 als Tresorraum ausgebaut. Der Bombenhagel vom Oktober 1944 zerstörte jedoch das Neue Kornhaus und die Pfandleihe vollkommen, wie nahezu das gesamte Stephaniviertel. An Ort und Stelle blieb nur noch ein großer freier Platz.

Der 1950 noch besser erhaltene Unterbau des Fangturmes (Foto: Landesarchäologie)
Der 1950 noch besser erhaltene Unterbau des Fangturmes (Foto: Landesarchäologie)

Nun konnte die archäologische Sondage 2014 den Fangturm mit seinen knapp 3m dicken Wänden z. T. wieder aufdecken. Zur Weser hin war der außen achteckige, aus großen Klosterformatziegeln errichtete Bau mit großen Blöcken aus Portasandstein verblendet. Der halbwegs kreisrunde Innenraum war 1928 mit kleinformatigen Ziegeln ausgekleidet worden. Nach dem Tresor - falls noch vorhanden - wurde 2014 jedoch nicht gwaucht. Ziel der vom Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen finanzierten Sondage war den Turm genau einzumessen, um seinen beeindruckenden Grundriss im neuen Pflaster andeuten zu können. So soll wenigstens noch eine Andeutung von dem wieder unter dem Pflaster verschwundenen, ehemals jedoch für die Hansestadt sehr bedeutenden Verteidigungsturm künden.
(Dieter Bischop)

2014: Die Nachbarn des Bischofs

Keine 20 m nördlich des ehemaligen Bremer Bischofpalastes, heute Standort des Neuen Rathauses, baut derzeit die Bremer Landesbank ihr Domizil neu. Eine große Tiefgarage hatte schon 1970 die meisten mittelalterlichen Überreste im Boden vernichtet, doch konnte eine vorhergehende Sondierung im noch stehenden Altbau noch einige Funde liefern. Wie tiefgreifend die Auskofferung von 1970 war, zeigte der weitere Bauablauf nach dem Abriss des letzten Bankgebäudes. Es waren aber immerhin noch ein Backsteinbrunnen des Spätmittelalters bzw. der frühen Neuzeit zu dokumentieren. Unter einigen Abfallgruben sticht ein nur noch 35 cm hoch erhaltener Abfallschacht heraus, dessen 2,4 m x 1,5 m messenden Wände mit Holzbohlen ausgesteift waren. Ein mittig in den Schacht hineingestürzter Vierkantbalken aus Eiche, möglicherweise der Donnerbalken, konnte dendrochronologisch auf die Zeit um 1246 datiert werden.

Krug der flandrischen Ware aus einer um 1246 erbauten Kloake nahe dem Bremer Bischofspalast
Krug der flandrischen Ware aus einer um 1246 erbauten Kloake (Foto: Landesarchäologie)

Auf dem Grund des Kloakenschachtes lagen wenige Glasreste, ein Rest eines doppelreihigen Knochenkammes und wenig glasierte Keramik, darunter ein mit Rollstempelmuster verzierter, außen grün glasierter Krug, der als frühe glasierte Ware aus Westeuropäischen importiert wurde; weitere Funde, wie zum Beispiel frühe Flachziegel mit partieller roter oder auch grüner Glasur, zeugen von einer frühen farbig akzentuierten Dachdeckung des zugehörigen Hauses eines der vermögenden Nachbarn des Bischofs. Der unbekannte Nachbar des Bischofs scheint recht vermögend gewesen sein und dies auch zur Schau gestellt zu haben. Gegen Mitte des 13. Jahrhunderts hatten die Bremer mit dem Erzbischof arge Probleme. Er wollte die Rechte der Bürger weithin einschränken und versuchte seinen Machtbereich gegenüber der Stadt zu vergrößern. Dies war das letzte Aufbäumen des erzbischöflichern Machtbestrebens gegen die sich nun endgültig selbst konstitutionierende Bürgerschaft Bremens. Dazu passt ironischerweise, dass mehr als 650 Jahre später an Stelle des abgerissenen Bischofspalastes das neue Rathaus der Freien Hansestadt Bremen erbaut wurde.
(Dieter Bischop, Leonie Seebeck)

2014: Tief unter der Böttcherstraße

Holzkonstruktion zur Uferbefestigung mit den sichtbaren Pfählen
Holzkonstruktion zur Uferbefestigung mit den sichtbaren Pfählen (Foto: Landesarchäologie)

Bereits im Frühjahr 2003 wurde der Kanal der vordere Teil der Bremer Böttcherstraße erneuert, was zur Entdeckung einer Bohlenwegartigen Holzkonstruktion führte, die dendrochronologisch in das Jahr 1274/75 datiert werden konnte. Elf Jahre später im Jahr 2014 folgte die nun Sanierung des hinteren Teiles der bei Touristen allseits bekannten Straße südlich des historischen Marktes. Die archäologisch begleiteten Erdarbeiten brachten wiederum Holzbefunde ans Tageslicht, die als Überreste der hölzernen Untergrundbefestigung einer Landgewinnungsphase gedeutet werden können. Im Frühmittelalter verlief hier noch der Weserarm Balge, an dessen frühmittelalterlichem Ufer Schiffe anliefen und Handel stattfand.

Das Balgeufer wurde gegen Ende des Hochmittelalters in mehreren Befestigungsphasen mit individuellen teils kastenförmigen Holzbauten befestigt. Die durch die schmale Kanalgrabensohle angerissenen, in nördlicher Richtung aneinandergereihten, teils kastenartigen Holzkonstruktionen bestanden aus senkrecht in den Boden gerammten Pfählen und quer dahinter geklemmten Planken oder aus Faschinenkonstruktionen bzw. Flechtwerkzäunen. Einzelne Holzstege mögen individuell zu Häusern bzw. Werkbereichen geführt haben. Ob einzelne angeschnittene Befunde, wie ein Flechtwerkkorb mit dem Handwerk der Böttcher zusammenhängen, lässt sich durch den kleinen Ausschnitt nicht genau beurteilen. Es fanden sich jedoch zahlreiche Reste von geböttcherten Daubenschalen in diesem Befundbereich. Viele Holzreststücke u. a. von Fichte, Tanne zeigen ganz deutlich die handwerkliche Nutzung des Areals im 13. Jahrhundert an. Die Holzkonstruktionen lassen sich auf die Zeit um 1200 datieren, ein Pfosten mit Waldkante datiert auf das Jahr 1204.

Fragmente einer aus Rouen eingeführten Keramik mit Hirschköpfchen
Fragmente einer aus Rouen eingeführten Keramik mit Hirschköpfchen (Foto: Landesarchäologie)

Die Böttcherstraße war noch 1317 als Hellmchstraße bekannt, hier befanden sich also die Helgen, die Baugerüste der Schiffsbauer, bevor sie an den Teerhof zogen. Ein letztes Indiz für den Werftstandort sind geringe Reste von Kalfaterklammern. Die Keramik zeigt ein umfangreiches Spektrum an Importware der Zeit um 1200, wenig Faststeinzeug, dafür aber frühe glasierte westeuropäische Luxusware, z. B. aus Rouen importiert. Ein zoomorph verziertes Fragment zeigt einen aufwendig gearbeiteten Hirschkopf, wie er z. B. Vergleiche in London findet.
(Dieter Bischop)

2013: Stephanieviertel - Isabel und Lucretia aus dem Keller

Brunnenschacht der Zeit um 1200 n.Ch. unter frühneuzeitlichen Fundamenten (Foto: D. Bischop)

Die Neuenstraße im Bremer Stephanieviertel wurde erst 1530 „neu“ angelegt, doch die hochmittelalterliche, ursprünglich vorstädtische Siedlung bestand hier offenbar schon sehr viel eher, wie eine Grabung anlässlich der Errichtung des neuen Wohnkomplexes „Stadtterassen II“ zeigt. Einer der ältesten Befunde aus Mittelalter und früher Neuzeit, die hier freigelegt werden konnten, ist ein Faßbrunnen aus der Zeit und 1200. In ihm fanden sich Kugeltopfreste, Knochen, u.a. vom Hund sowie ein Eisenschlüssel. Neben zahlreichen weiteren Brunnen, Gräben, Werkgruben und Gebäuderesten vom späten Mittelalters bis zur Neuzeit sticht ein Backsteinkeller heraus, der in seinem Boden die Überreste eines Kachelofens der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts enthielt.

Ofenkachel mit dem Bildnis der sich selbst tötenden Lucretia (Foto: J. Koetzle)

Hier lagen zahlreiche grün glasierte Gesims-, Napf- und Rechteckkacheln haben u.a. religiöse Bildthematen, wie den segnenden Gottvater, das 5. Gebot “DU SOLLST NICHT TÖDTEN“, oder auch die Kreuzigung Christi mit der Beischrift „ANNO 1554“. Einige Blattkacheln zeigen Porträts pro reformatorisch gesinnter Kurfürsten, wie z. B. Johann Friedrich den Großmütigen von Sachsen (1503 -1554) oder seinen Sohn Johann Friedrich II. (1529-1595), aber auch andere Herrscher wie Elisabeth I. von England oder den Herzog von Navarra. Wenige Frauenporträts auf Medaillonkacheln sind benannt wie etwa das der „ISABEL“. Der noch nicht identifizierte Haus- und Ofenbesitzer legte offenbar Wert auf seine humanistische Bildung, wie Kachelmotive mit der sich erdolchenden Lucretia, Darstellungen antiker Kaiser oder Tugenden, wie etwa Terpsichore, beweisen.
Der jüngste Ziegelbrunnenschacht war nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges profan mit dem gesamten Inventar einer Küche verfüllt worden.
(D. Bischop)

2013: Dem Künstler auf der Spur - Der Lüneburger Albert von Soest in Bremen

Pappmaché-Relief des Albert von Soest „Christus mit der Dornenkrone“ (Foto: Museum für das Fürstentum Lüneburg)

In dem äußert umfangreichen Fundmaterial, das 2011 aus einer Stadtgrabenfüllung des 16. Jahrhunderts nahe dem ehemaligen Bremer Abbentor geborgen worden wurde, erregte das Fragment einer schwarz glasierten Ofenkachel besondere Aufmerksamkeit. Erhalten ist der Rest eines polnischen Königsporträts mit danebenliegender Krone in einem Architekturrahmen. Unter der Beischrift „…DER R KO PO” steht in einer Kartusche die Künstlersignatur „ALBERT VA SOEST“. Bisher war überhaupt nur ein einziges Kachelfragment mit dieser Künstlersignatur aus der Ausgrabung in einer Lüneburger Töpferei bekannt, die offenbar für Albert von Soest Tonmodel produziert hatte. Der seit 1567 in Lüneburger Steuerlisten geführte Albert von Soest († 1589) war bekannt durch seine Holzschnitzarbeiten in der Großen Ratsstube im Lüneburger Rathaus. Vor allen Dingen schnitzte er aber Holzmodel für meist dann in Pappmaché ausgeführte Porträts, primär von Persönlichkeiten der Reformation.

Polarisationsmikroskop-Foto; Vulkanisches Gesteinsbruchstück in der Bremer Ofenkachel weist Parallelen zu Lüneburger Baukeramik auf (Foto: C. Grader / Kachelfragmentzeichnung: H. Hoor)

Prinzipiell ist an eine Nutzung eines eingehandelten Lüneburger Kachelmodels durch bremische Töpfer zu denken. Doch scheint sich nun die Herkunft der Ofenkachel des Albert von Soest aus Lüneburg selbst durch eine mineralogische Untersuchung der Tonmatrix anzudeuten.
(D. Bischop)

2013: Am Klostereck des Katharinenklosters

Reste der südwestlichen Ecke des mittelalterlichen Katharinenklosterhofes (Foto: D. Bischop)

Im Juni 2013 war ein Kanal und somit der Fußbelag in der stets belebten Bremer Katharinen-Passage abgesackt, so dass in einem schmalen Schacht tiefgründig nach der Ursache gesucht werden musste. Bei der archäologisch begleiteten Sondierung der Kanaltrasse konnten zwei quer und eine längs zur Passage und parallel zur Sögestraße verlaufende Mauerzüge aus Klosterformatsteinen beobachtet werden. Die aus der Baugrube dieser Mauer geborgene Keramik deutet auf einen spätmittelalterliche Ursprung hin. Bei diesen Mauern kann es sich der Lage nach nur um den südwestlichen Abschluß des Katharinenklosterhofes handeln.

Kupferstich von Bremen 1588/89 von Hogenberg

Südlich der 1284 geweihten Klosterkirche, schloss sich entlang der Sögestraße der Klosterhof der 1225 in Bremen niedergelassenen Dominikaner mit Kreuzgang, Wirtschafts- und Wohngebäuden sowie dem Refektorium an. Von ihm werden heute noch wenige erhaltene Teile als Restauranträume genutzt. Nach Auflösung des Klosters wurde 1597 das Kirchenschiff als städtisches Zeughaus missbraucht, ab 1820 als Packhaus. Bereits 1888 teilweise abgerissen fiel der Chor der Kirche erst 1960 dem Abrissbagger zum Opfer. In die Klostergebäude zog nach der Reformation die Lateinschule ein, von deren Gebäuden heute jedoch oberirdisch nichts mehr existiert. Von dem ehemals repräsentativen Aussehen mancher Klostergebäude im Stil der Backsteingotik zeugen nur noch aktuell entdeckte z. T. schwarz glasierte Formziegel.
(D. Bischop)

2013: Ausgrabung an der Langenstraße anlässlich eines Hotelneubaues

Polychrome Ofenkachel mit der Anbetung und Darbringung von Geschenken durch König Casper
Polychrome Ofenkachel mit der Anbetung und Darbringung von Geschenken durch König Casper (Foto: D. Bischop)

Im Westen der hochmittelalterlichen Stadt Bremen wird ein aus ehemals wohl acht mittelalterlichen Parzellen bestehendes Grundstück zwischen Faulen- und Langenstraße, der ältesten Kaufmannsstraße Bremens, mit einem „Motel One“ neu bebaut. Zuvor musste der Nachkriegsbau des Kaufhauses Leffers weichen, der mit seinen bis zu 5 m unter die heutige Oberfläche reichenden massiven Beton-Punkt- und Streifenfundamenten bereits einige mittelalterliche Befunde zerstört hatte. Die archäologische Baubegleitung der Ausschachtungsarbeiten durch Mitarbeiter der Grabungsfirma Denkmal3D nutzte daher vermehrt 3D-Scans der zwischen den Fundamenten freigelegten Mauerreste und Gruben, um zeitsparend ehemals zusammenhängende Strukturen der mittelalterlichen Bebauung zu erfassen.

Die ältesten Bauten gehen auf das 13. Jahrhundert zurück, auch wenn ältere Keramik einen früheren Siedlungsbeginn andeutet. Mehrphasige Mauerverläufe zeigen eine Parzellenkontinuität bis zu den verheerenden Kriegszerstörungen des Jahres 1944, die sich ebenfalls klar abzeichneten.

Einige spätmittelalterliche Fundamente waren auf kleineren Findlings- und Flintknollenlagen in Kalkmörtel verlegt. Der aus Findlingen errichtete, in Bremen für die Zeit um 1200 als „steenkamer“ bekannte Steinwerktyp deutet sich jedoch nur indirekt an der Langenstraße an. Hier fanden sich konzentriert unter der Südwestecke des ehemaligen Leffers-Gebäudes zahlreiche aus dem Zusammenhang gerissene große Findlinge, die zu einem feuerfesten Speicher- und Wohnturm gehört haben dürften, wie er im Jahre 2003/04 unmittelbar auf der anderen Straßenseite beim Bau des Hotels Überfluss mehrfach nachgewiesen wurde (AiD 3/2004). Auch diesmal fand sich frühe reichverzierte bleiglasierte importierte Irdenware des 13. und frühen 14. Jh. u. a. aus Rouen. Abgesehen von einigen schwarz glasierten Ofenkacheln des 17. Jhs. fällt eine polychrome Bildkachel der Zeit um 1500 auf. Sie zeigt einen zeigt einen vornehmen knienden Mann mit gezogenem Barett, darüber die Inschrift „REX IAS P…“. Es zeigt vermutlich die Anbetung des Jesuskindes durch König Casper.

Es konnten – trotz der großflächigen Störungen – immerhin noch zwölf Backstein- oder Holzlatrinenschächte festgestellt werden; nahezu jede Hauseinheit scheint über eine solche private Latrine verfügt zu haben, wohingegen Brunnen nicht eindeutig identifizierbar waren. Die Latrinen erfreuten sich in Bremen offensichtlich einer hohen Standorttreue. Seit dem Mittelalter wurden die rückwärtigen Höfe der Häuser aber auch als Gärten benutzt, wie zahlreiche Pflanzgruben zeigten
(D. Bischop)
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2012: Spätmittelalterlicher Stadtgraben zwischen Abbentor und Doventor

Als in der Straße Am Wall zwischen Abbentor und Doventor im Sommer 2011 eine neue Kanaltrasse verlegt werden musste, war klar, dass der alte Stadtgraben der Hansestadt betroffen sein könnte. Wie sich bald herausstellte, verlief die nur etwa 1 m breite Trasse auch mitten im spätmittelalterlichen Stadtgraben, der offenbar in zwei Phasen, den Funden nach, bis zur Mitte des 18. Jhs. verfüllt worden war. Der Stadtgraben mit Stadtmauer waren hier erst 1307/1308 angelegt worden. Im Laufe des 16. Jh. wurde die Befestigung aufgrund drohender Konfessionskriege noch einmal verstärkt und auch der Stadtgraben modifiziert worden. Ein Großteil der unteren schwarzen anmoorigen Verfüllung enthielt Funde des 16. Jh., deren Datierung auch durch dendrochronologische Daten unterstützt wird. Man hat – offensichtlich teilweise bewusst – alles Mögliche in den Stadtgraben geschmissen, um ihn an dieser Stelle zu verfüllen. In 3,5 m Tiefe unter der heutigen Straße war der ehemalige Grund des Stadtgrabens immer noch nicht erfasst.

Doppelplombe auf Stoffrest
Doppelplombe auf Stoffrest (Foto: D. Bischop)

Von der Bremer Hansewasser geborgen, wurde der äußerst fundreiche Stadtgrabeninhalt dankenswerterweise auf dem Freigelände der Stadtwerke gesichert, wo ihn über Monate hinweg Ehrenamtliche und mehrere Schulklassen in Ruhe durchsuchen konnten. Unmengen von Keramikscherben, darunter glasierte Irdenware, aber auch Steinzeug aus dem Rheinland und Ofenkacheln wurden geborgen. Fingerringe oder die knapp 40 Münzen sowie ein Münzgewicht aus Antwerpen sind sicher ungewollt im Wasser führenden Graben verschwunden. Neben vielen Metallfunden, wie etwa Hammer, Zange, Beitel, Sporen, Hufeisen, Messer, Löffel sind über 60 Tuchplomben zu nennen, die – einer ersten Sichtung nach – nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den Niederlanden, England oder, wie ein gut erhaltenes, wohl noch spätmittelalterliches Stück aus Flandern bzw. Nordfrankreich, stammen.

Weit mehr als eine halbe Tonne, d.h. knapp 43000 Tierknochen wurden bisher aus dem Material des 16. Jh. herausgelesen. Es handelt sich fast ausschließlich um Haustierknochen (89 % der Fundzahl), von denen wiederum etwa die Hälfte von Rindern und kein einziger vom Pferd stammt.
Schwein und Schaf/Ziege sind weniger zahlreich. Nur einem Knochen eines Hundes stehen 52 Knochen von Katzen gegenüber. Möglicherweise sind junge Katzen im Stadtgraben ertränkt worden. Mehrere Knochen eines Kindes befanden sich ebenfalls unter den Tierresten.

Teil eines Kettenhemds und Armbrustbolzen
Teil eines Kettenhemds und zwei Armbrustbolzen (Foto: D. Bischop)

Religiöse Fundobjekte, wie eine Madonnenfigur und eine Krippe aus Pfeifenton, Gagatperlen eines Rosenkranzes sowie ein Pilgermuschelrest mögen in den Religionswirren des Schmalkaldischen Krieges, in dem die Kaiserlichen Truppen gegen die protestantischer Landesfürsten und Städte, wie auch Bremen, kämpften, entsorgt worden sein. An Waffen sind nur einige Bolzen und weitere Fragmente der Armbrust sowie Reste eines Kettenhemdes zu nennen, vielleicht Ausrüstungsreste der Stadtmauerbesatzung, die sich im Frühjahr 1547 erfolgreich einer Belagerung widersetzte.
Wir danken der Bremer Hansewasser sowie SWB für die sehr gute Zusammenarbeit.
(D. Bischop)

2012: Achteckiges Ziegelfundament einer Ölmühle am Wesertower

Freigelgtes Fundament der Ölmühle
Freigelgtes Fundament der Ölmühle (Foto: D. Bischop)

Bei Ausschachtungsarbeiten für ein Bürogebäude samt Parkhaus wurde von der Stadtarchäologie ein achteckiges Fundament aus großen Ziegeln entdeckt, das dann von Mitarbeitern der Landesarchäologie während der rasant voranschreitenden Baumaßnahmen freigelegt wurde.

Das sorgfältig errichtete Fundament mit einem Durchmesser von 12 m und einem massiven dezentralen kreisrunden Innenfundament wurde zwar zunächst als eventuelles Mühlenunterbau angesehen, doch bald gab es andere Interpretationen dieses Bauwerksrestes. Neben einem Stadtbefestigungs- und Wasserturm wurde vermutet, es könne sich um einen der feuergefährlichen Betriebe wie z. B. Ziegelofen handeln, die urkundlich in diesem Gebiet der Stephaniekirchweide, vor den mittelalterlichen Stadtmauern Bremens angesiedelt waren. Nach einem Abgleichen der ältesten Pläne mithilfe von Geoinformation, dem Staatsarchiv und der Denkmalpflege konnte das Fundament jedoch nun auf einem Plan von 1864 mit einem achteckig eingezeichneten Grundriss mit der Beischrift "Mühle" eindeutig identifiziert werden.

Die Mühle ist - wenn man nun das Adressbuch von 1858 und ältere Unterlagen aus der Zeit der französischen Besetzung Bremens hinzunimmt – die Ölmühle an der Straße "Beim Bindwams", die 1810 für Franz Köcheln konzessioniert und 1811 errichtet wurde (Nachweis im Staatsarchiv). Die für das Mühlenfundament genutzten Ziegel sind zwar im Klosterformat, d. h. die im Mittelalter üblichen, doch wurden vereinzelt diese großen Backsteine noch um 1800 genutzt. Quer durch den achteckigen Grundriss verlief eine Pfahlreihe aus Kiefer- und Fichtenhölzern, die jedoch keine eindeutigen Fundamentreste trugen. Einer der Holzpfähle aus dem Fundamentinnern ließ sich nun dendrochronologisch datieren. Er stammt von einer Kiefer, die im Jahr 1756 gefällt wurde. Ob es sich um einen 50 Jahre alten Stamm handelt, der erst 1810 im Mühlenbau verbaut wurde, oder ob er von einem Vorgänger stammt, ist unsicher. Das zylindrische runde Mauerteil dürfte der Unterbau eines Kollergangs gewesen sein.

Das Grundstück wurde nach etwa 50 Jahren dem Hauptzollamt zugeschlagen und die Mühle in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wohl des nahen abgerissen. Da der in der Datierungslage und Gesamtdeutung zunächst noch äußerst unsichere Fundamentrest nur unter sehr großem finanziellen Aufwand hätte erhalten werden können, wurde ein 3D-Laserscan der Firma denkmal3D durchgeführt, um den Grundriss wenigstens digital bestmöglich zu dokumentieren. Die Firma Windmanager, die in dem neuen Gebäude ihren Geschäftssitz haben wird, plant eine Präsentation zu dem historischen Mühlenbau und seinem Standort.
(D. Bischop)
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2012: Endlich den Bräutigam gefunden

Abbildung des Bräutigam im Detail von einem Ölgemälde von 1602 im Bremer Focke Museum
"Bräutigam", Detail von einem Ölgemälde von 1602 (Foto: Focke Museum)

Bei Bauarbeiten für ein Varietétheater im Westen Bremens konnten massive Mauerreste als Teile der Außenmauer eines großen Stadtbefestigungsturmes identifiziert werden. Dieser ehemals halb in die Weser hineinragende Stephanitorzwinger war über 100 Jahre für alle von der Wesermündung nach Bremen kommenden Schiffe das erste sichtbare Wahrzeichen der im 16. und 17. Jahrhundert aufstrebenden Hansestadt. Er wurde von 1525 bis 1534 in der Nähe des Stephanitores errichtet. Der ca. 40 m hohe Turm stand zur Hälfte in der Weser und hatte ein kegelförmiges Dach. In Anlehnung an die große Bastion "Braut" auf dem Teerhof wurde dieser Pulverturm "Bräutigam" genannt. Gute Dienste leistete er bereits im Jahre 1547, als Bremen im Schmalkaldischen Krieg von 12000 Soldaten belagert wurde. Am 4. August 1647, explodierte der Bräutigam jedoch, als ein Blitz in den Turm einschlug und die dort lagernden sechs Tonnen Pulver detonierten. Viele Häuser der umliegenden Straßen, wie zum Beispiel das zwei Jahre zuvor gerade erst eingeweihte Zucht- und Werkhaus wurden zerstört. Von dieser Katastrophe zeugen noch zahlreiche nun geborgene verbrannte Dachziegel und Trümmerstücke.

3DLaserscan des freigelegten Fundamentssegment
3D-Laserscan des freigelegten Fundamentsegments (Bild: denkmal3D)
Relief mit einem Mörser und zwei Geschützkugeln auf einer spätmittelalterlichen Spolie
Spätmittelalterliche Spolie: Relief mit einem Mörser und zwei Geschützkugeln (Foto: D. Bischop)

Die bisherigen Ausgrabungen legten Teile der über viereinhalb Meter mächtigen Mauern des achteckigen, auf einem Holzrahmen ruhenden Turmunterbaues und der angrenzenden Stadtmauer frei. Zur Weser hin war der Turm teilweise mit Porta Sandstein verkleidet. In sekundärer Verwendung verbaut, fand sich ein Sandsteinrelief, auf dem ein Mörsertopf, also ein mittelalterliches Steilfeuergeschütz, flankiert von zwei Kanonenkugeln dargestellt ist. Zwei solcher Geschützkugeln aus Stein wurden bei den Grabungen vor dem Turm sogar entdeckt.

Der für die Stadtarchäologie überraschende und bedeutende Fund des Turmes soll jedoch nicht wieder in Vergessenheit geraten. Geplant wird mit dem Bauherrn Siedentopf, die Erinnerung an den gewaltigen Verteidigungsturm und das ehemalige Wahrzeichen der Wehrhaftigkeit Bremens durch eine umfangreiche Präsentationen wach zu halten.
(D. Bischop)

2010: Grabung auf dem Liebfrauenkirchhof

Spätmittelalterliche Kinderbestattung mit Bronzeschmuck
Spätmittelalterliche Kinderbestattung mit Bronzeschmuck (Foto: D. Bischop)

Vermutlich seit dem 9. Jh. war der Kirchhof der ursprünglich dem Heiligen Veit geweihten, ältesten Stadtkirche "Unser Lieben Frau" der einzige Bestattungsplatz für die Bremer, die außerhalb der Domburg lebten. Erst um 1813 wurden die letzten Gräber angelegt. Das heißt, über knapp 1000 Jahre wurde hier bestattet.

Dieser angelegte Schacht sollte den Grund für eine Absenkung im Marktpflaster erkunden. Dabei kamen menschliche Skelettreste dicht liegender Gräber zu Tage. Ungestörte mittelalterliche Bestattungen konnten jetzt von der Landesarchäologie freigelegt werden. Teils sind noch Sargspuren, Nägel und Beschläge feststellbar. Bronzedraht und Stecknadeln gehörten zur Totenaustattung der Gräber, die alle Ost/West ausgerichtet waren, der Kopf schaute nach Osten, dem Ort aus dem der Mensch des Mittelalters die Ankunft des Erlösers erwartete.

Der Kirchhof war aber nicht nur Friedhof, sondern gleichzeitig - bis heute - Marktplatz. Münzen, Reste von der Perlenherstellung und Keramik- und Glasgefäßscherben aus den letzten 1200 Jahren finden sich zwischen den Gräbern verstreut.
(D. Bischop)